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bg2 Presse
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Presseinfo zu den Auftritten in Deutschland während der Tournee 1971

Presseinfo zu A Token Of His Extreme, 1976

Presseinfo zu Tinsel Town Rebellion, 1981

Pressefotos

Wenn ich kein Genie bin, wer sonst - Das Magazin, 01.01.1978

Interview mit David Sheff - Playboy, 1993

Frank Zappa: The Maestro strikes back - WOM Nr. 5/88

Das Magazin
Heft 1, Januar 1987
Jahrgang 34
ISSN 0460-5047

"Wenn ich kein Genie  bin, wer sonst"

FRANK ZAPPA

Selbstverständlich darf man die  Chance (zumal dies auch eine große Ehre ist), über den Rockmusiker Frank Zappa schreiben zu dürfen), nicht ungenutzt lassen, aber andererseits  versucht man damit etwas schier Unmögliches. Wie soll man einem solchen  Könner gerecht werden? Folgender Satz wurde zwar nicht auf Frank Zappa  gemünzt, sondern auf den Sänger Randy Newman, aber damit könnte auch  unser Held geehrt werden: Seine wunderbare Musik wird von wunderbaren  Fans gehört.

Jener Teil des Publikums allerdings,  der sich mit allzu viel seichter Musik den guten Geschmack verdorben  hat, sei ausdrücklich gewarnt! Da gibt es nichts genüsslich zu  konsumieren. Dieser Musik zu lauschen ist harte Arbeit, und das  Schatzkästchen seligen Vergnügens öffnet sich erst nach einer gehörigen  Portion Mühsal. Doch wer durch die Musik von Frank Zappa hindurch steigt, kommt am anderen Ende als klügerer Mensch heraus.

Kritisch anzumerken wäre wohl nur, dass Zappas eigene Klugheit kaum mit emotionaler Wärme durchsetzt ist,  sondern messerscharf und eiskalt argumentiert. Wenn ich Frank Zappa  recht interpretiere, geht er davon aus: In dieser Welt wird sowohl  verbal wie musikalisch viel zu viel schwärmerisch herum gefaselt, und  gerade ein überkühler Verstand tut not, der die bitteren Wahrheiten über die Vereinigten Staaten (denn das ist sein Generalthema) knallhart und  ungeschminkt erfasst.

Geboren wurde Frank Zappa am 21.  Dezember 1940 in Baltimore, Maryland. Er wuchs in einer  Mittelklassefamilie griechisch-arabisch-sizilianischer Abstammung auf, in der es einigermaßen spannend zugegangen sein muss, wenn man sich die wechselnden Tätigkeiten seines Vaters Carl Zappa betrachtet:  Büroangestellter, Friseur, Metallurge, Chemiker, Hochschul-Mathematiklehrer und Professor für Geschichte. Franks Mutter war Bibliothekarin, blieb aber zu Hause, als die Kinder kamen. Frank ist das älteste Kind, er hat noch zwei Brüder und eine Schwester. Über das Eheleben seiner Eltern hat er mit wenig Begeisterung gesprochen: "Ich  bin immer der Ansicht gewesen, dass meine Eltern ein langweiliges Leben  führten. Sie verbrachten den Großteil davon vor dem Fernseher. Ich  hingegen wollte mich amüsieren. Also habe ich eine andere Richtung  eingeschlagen." Wie sich später herausstellte, brachte ihm seine Arbeit  das meiste Amüsement: Wenn er nicht auf Tournee ist, verbringt Frank Zappa täglich 12 bis 16 Stunden in seinem Studio mit Komponieren,  Arrangieren, Produzieren und Texten.

Zu Beginn der fünfziger Jahre zog die Familie Zappa in die kalifornische Kleinstadt Lancaster, einhundert  Kilometer von Los Angeles entfernt am gottverlassenen Rand der  Mojave-Wüste. Ein Großteil ihrer 25000 Einwohner waren Afroamerikaner  und Mexicanos, und so kam der an Musik interessierte Frank Zappa relativ leicht an Klänge heran, die einem weißen Mittelklassejungen im  Normalfall verschlossen geblieben wären. Er war aber nicht nur am Rhythm & Blues der Schwarzen interessiert, sondern hatte auch ein Ohr  für die ernste Musik. Seine Favoriten waren Igor Strawinsky, Anton  Webern und Edgar Varése. Besonders letzterer, Franzose italienischer Herkunft und ab 1919 in den USA ansässig, beeinflusste Frank Zappa.  Varéses berühmteste Komposition "Ionisation" war durch die Verwendung  diverser Percussionsinstrumente gekennzeichnet, deren Einsatz beim ersten Hören völlig "freien Regeln" zu gehorchen schien. In Wahrheit  organisierte Varése mit geradezu pedantischer Genauigkeit das musikalische Chaos. Frank Zappa, der zunächst verschiedene  Schlaginstrumente erlernt hatte(Gitarre und Klavier kamen erst später hinzu), war von dieser Art des Komponierens sehr angetan, kam sie doch seinem Naturell entgegen. Wie chaotisch seine Musik auch klingen mochte, Frank Zappa wollte die totale Kontrolle über jeden einzelnen Ton, der gespielt wurde. Als er in den sechziger Jahren auf eine frei improvisierende Band namens "Wild Flowers" traf, sagte Frank Zappa zu den Musikern: "Zwar schätze ich das, was ihr macht, sehr, doch kann ich mir Ähnliches nicht erlauben; wir sind zu professionell. Ihr habt eine Art Freiheit, die ich mir nicht zugestehen kann."

Frank Zappas musikalische Ausbildung  war außerordentlich fundiert. Er belegte Harmoniekurse und genoss  Kompositionsunterricht. Für den restlichen Teil seiner Musikerausbildung übernahm er selbst die Regie. Er hörte jede Menge Schallplatten,  verbrachte viel Zeit in Bibliotheken mit Partiturstudien und spielte vornehmlich mit Afroamerikanern in Rhythm & Blues-Bands. Ende 1964 formierte Frank Zappa dann eine eigene Band: The Mothers of Invention. Mit dieser Gruppe setzte er seine kühnen Ideen von einem multimedialen  Rocktheater in die Tat um. Da war Musik nur ein Teil dessen, was sich  auf der Bühne abspielte. Die Musiker hatten auch als Schauspieler zu  agieren und mussten die von Zappa erdachten Grotesk-Szenen spielen. Das  Magazin "Life" schrieb über das Auftreten der Mothers: "Auf der Bühne  kann alles Mögliche passieren. Puppen werden verstümmelt. Eine Gasmaske  wird angelegt. Eine Tasche mit Gemüse wird ausgepackt und kontrolliert.  Es gibt Stellen, an denen geschrien wird, und plötzlich stellen die  Mothers `Tote Luft´ dar. Sie hören auf zu spielen, setzen sich hin und  ignorieren das Publikum. Zappa lässt sich vielleicht von Motorhead, dem Schlagzeuger, die Schuhe putzen. Sie machen das so lange, bis das  Publikum unruhig wird, sich unbehaglich fühlt und schließlich Ärger  macht. Dann nähert sich Zappa ganz ruhig dem Mikrofon und sagt: `Das  lässt eure Agressionen zum Vorschein kommen, nicht wahr?”

Im August 1966 erschien dann Frank  Zappas erste Langspielplatte, das Doppelalbum "Mothers of Invention Freak Out". Auf der ganzen letzten Seite befindet sich die höchst raffiniert durchstrukturierte Percussionsorgie "The Return of the son of Monster Magnet", an der mehr als 100 Schlagwerk spielende Freunde beteiligt gewesen sein sollen und die eindeutig als Hommage an sein großes Vorbild Edgar Varése zu erkennen ist.

Bis zum heutigen Tag hat Frank Zappa dann knapp 50 (!) weitere LPs veröffentlicht. Nicht wenige Meisterwerke sind darunter. Frank Zappas spektakulärste Tat war dabei wohl das  Multimediaprojekt "200 Motels". Die Ursprungsidee war, das verrückte Tourneeleben einer Rockgruppe auf Zelluloid zu bannen. Der Film wurde  1971 gedreht, und unter anderem traten Ringo Starr in Zappa-Aufmachung  als "Larry, der Zwerg" auf, der "Who"-Schlagzeuger Keith Moon spielte eine liebestolle Nonne, und die Mothers stellten sich selber dar. Die wildbewegte Handlung torkelt zwischen Bett und Bühne hin und her. Die  verwendete Filmtechnik ist für damalige Verhältnisse ultramodern.

Die Filmmusik war von Frank Zappa für Symphonieorchester und Rockband geschrieben worden und wurde auch als  selbständiges Konzertprogramm dargeboten. Die Uraufführung des Bühnenspektakels fand im Mai 1970 im Pauley Pavillon der University of  California statt. 11000 Leute waren gekommen, um das Los Angeles Symphony Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta gemeinsam mit Zappas Mothers of Invention musizieren zu hören. Die Rockkritiker überschlugen sich euphorisch ob des großen Ereignisses, die seriösen Konzertrezensenten waren da wesentlich zurückhaltender. So schrieb Martin Bernheimer in der "Los Angeles Times" sehr pfiffig, dass "es sich bei `200 Motels´ kaum um das umstrittenste Werk seit der Uraufführung  von Strawinskys `Frühlingsopfer´ handeln dürfte". Das mag vielleicht  nicht gerade wie ein dicke Lob klingen, aber immerhin fand man Frank  Zappas Komposition für würdig (wenn auch negativ eingetrübt), mit  Strawinskys Jahrhundertwerk verglichen zu werden.

Die Filmmusik wurde dann in London vom Royal Philharmonic Orchestra eingespielt, wobei gleichzeitig ein Doppelalbum veröffentlicht wurde. Die Musik ist eigentlich  undefinierbar. In den großen Orchesterpassagen erinnert sie an Charles Ives, aber auch an George Gershwin, manche Lieder klingen wie verballhornte Broadwaymelodien, und die Rocksongs sind mit der Typischen Zappaschen Aggressivität versehen. Die Glanzleistung der Instrumentierungskunst ist der variable Einsatz der zahlreichen  Percussionstinstrumente.

Die Texte bieten stark überzeichnete und mitunter rüde Reflexionen auf das wahnwitzige Tourneeleben, das sich besonders durch die hinter jeder Tür lauernden kleinen Mädchen  kompliziert. So persifliert Frank Zappa die offensichtlich  weitverbreitete Wahnvorstellung, dass gewisse unterdimensionierte Körperteile im Unterbewusstsein quälende Ängste hervorrufen können: "Es  ist überhaupt nicht einzusehen, weshalb ihr oder eure lieben Angehörigen leiden sollten. Der Zustand der Welt ist schon schlimm genug, auch ohne dass die Größe eures Organs noch neues Elend hinzufügt!"

Frank Zappas Themenkreis, den er in seinen Stücken behandelt, ist weitgestreckt. Er macht sich über die  normierten "plastic people" lustig, greift das korrupte Establishment an, legt die verdummenden Mechanismen der amerikanischen Massenmedien  bloß. Zur Zeit scheint er besonders ärgerlich auf die vielen  schnuckligen Popstars, die keine Noten lesen können und deren Dummheit  bis zum Himmel stinkt: "Eigentlich leben sie in Boutiquen und besuchen  das Studio auf dem Weg zum Friseur. Das ist absolut typisch für die 80er. In den USA glauben sie, das sei cool, und der Präsident bestärkt sie darin."

Zu Beginn der 70er Jahre war Frank  Zappa der Meinung, dass man die Massenmedien benutzen muss, damit sich das kapitalistische System von innen her reinig. In den letzten Jahren ist jedoch Frank Zappa vorsichtiger geworden und sieht gerade in der  Popmusik mehr und mehr ein Instrument der Mächtigen: "Multinationale  Konzerne sind die wirklichen Herrscher, und in vieler Hinsicht  unterstützt Popmusik die multinationalen Konzerne dabei, das  intellektuelle Niveau so niedrig wie möglich zu halten. Man hat viel  Cleverness dafür verwendet, ganze Völker dumm und arbeitswillig zu  halten und dabei immer auch die Medien eingespannt. Es gibt Dinge, die für das System eine ständige Bedrohung darstellen, individuelle Logik zum Beispiel. Die multinationalen Konzerne funktionieren nur wenn alle daran glauben, wie in dem alten Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.  Eine Verbesserung ausgerechnet durch die Kunst zu erwarten, halte ich  nicht für vernünftig, dafür ist es zu spät."

Dennoch gibt Frank Zappa nicht auf. Selbst wenn ihm der Kampf aussichtslos erscheint, lässt er sich nicht entwaffnen und gibt nicht klein bei. So befindet sich auf seiner 86er  Platte ein Stück, das folgendes Vorkommnis aus dem Herbst 85 zum Thema  hat: Die Senatorenfrau Mary Gore, Mutter von vier Kindern, fand per  Zufall heraus, dass auf den Schallplatten ihrer Sprösslinge einige Lieder  waren, die sie in Panik versetzten. Da wurden tatsächlich unanständige Worte verwendet. Mary Gore aktivierte noch einige andere Senatorengattinnen und bildete mit ihnen eine Anti-Porno-Rock-Lobby, die unter dem Namen "Die Frauen von Washington" bekannt wurde. Dank ihres großen Einflusses setzten sie durch, dass die 19 größten  Schallplattenfirmen, die 80% des gesamten Marktes kontrollieren, auf  Platten mit anzüglichen Texten die Warnung "Achtung Eltern: deutliche  Texte!" anbringen müssen. Das rief natürlich die Rockmusiker auf den  Plan, allen voran Frank Zappa, und sie verlangten eine Anhörung vor dem amerikanischen Senat. Dort zitierte Frank Zappa die Verfassung. Und  meinte abschließend: Die Damen "empfehlen hier praktisch die  Enthauptung, um das Problem von Haarschuppen zu lösen."

Frank Zappa liebt seine Heimat, und  er will nicht, dass dieses Land gänzlich einer Horde übler Gesellen in  die Hände fällt. Witzig, scharfsinnig, genialisch verteidigt Frank Zappa jeden Fußbreit Boden.

Gottfried Blumenstein

Die Redaktion von "Das Magazin" hatte ihre Räumlichkeiten in der Karl-Liebknecht-Straße 29 in 1026 Berlin.  Die Redaktion wurde mit dem Orden "Banner der Arbeit", Stufe 1, ausgezeichnet. Druck III/9/1 Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft  Dresden, Lizenznummer 233 des Presseamtes beim Vorsitzenden des Ministerrates der DDR.   zum Seitenanfang

Playboy: Zappa interviewt von David Sheff

Der Mann ist längst Legende: Frank Zappa, der Musiker, der Bürgerschreck, der Genius. Ein offenes Gespräch mit dem originellsten Kopf der Rockmusik über die wilden 60er, Drogen,  korrupte Politiker und seinen Kampf gegen den Krebs.

Nur wenige Leute würden bestreiten,  dass Václav Havel, der tschechische Präsident, und Matt Groening, der  Schöpfer der "Simpsons", ein ungleiches Paar abgeben. Doch als sie in  unabhängigen Interviews befragt wurden, wer den größten Einfluss auf ihr Leben hatte, nannten beiden denselben Namen: Frank Zappa. "Wer sonst?" fragte Groening. "Ich habe mir die Musik angehört, ich habe die Texte analysiert, und das hat mich verwandelt."

Frank Zappa ist längst eine Legende geworden, und im Lauf seiner Karriere blieb kaum etwas von seinen boshaften musikalischen Satiren verschont. Mit Reißzähnen ging Zappa auf Modetrends, Heucheleien und Stereotype los und vergrätzte so die verschiedenen Leute. Frauen erbosten sich über den Song "Titties And Beer", Eltern reagierten mit Entsetzen auf seine schweinösen Texte, und  "He's So Gay" brachte die Schwulen auf die Palme.

Nicht nur seine Liedzeilen, auch  Zappas Musik sorgte für Konfusion, denn der Genius versuchte sich an allem: an Rock, an Jazz und an klassischer Musik. Zappa hat über fünfzig Alben veröffentlicht, und seine klassischen Werke kamen auch in eher gediegenen Kreisen an (seine Klassik-LPs wurden übrigens vom London Symphony Orchestra eingespielt).

Zappa machte sich auch dann Feinde, wenn er keine Musik schrieb. Er legte sich regelmäßig mit den  Saubermännern der US-Politik an und ermunterte sein Publikum immer wieder zur Teilnahme an Wahlen. 1991 kündigte der Rocker gar an, bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren zu wollen.

Zappas Musik war seit den 60er Jahren auch hinter den eisernen Vorhang geschmuggelt worden, und vor allem in den Augen des tschechischen Volkes war er ein Held - sein Song "Plastic People" wurde zur Hymne des Untergrunds. Als Dankeschön und Huldigung an einen großen Musiker und Demokraten ernannte Präsident Václav Havel deshalb den Rocker zum Sonder-Botschafter für Handel, Kultur und Tourismus. Aber die US-Regierung intervenierte, und der Dichterpräsident kuschte: Die Ernennung wurde prompt zurückgezogen.

Zappa gilt als Bürgerschreck und Sonderling, aber sein Familienleben scheint ausgesprochen normal zu sein. Inzwischen ist er 52, seit 25 Jahren mit Gail verheiratet und  hingebungsvoller Vater seiner vier Kinder.

Im November 1991 ließ Zappa  verlauten, dass er an Prostatakrebs leide. Seither quälen ihn starke Schmerzen im Unterleib. Für den Playboy nahm er sich trotzdem viel Zeit - sieben Stunden plauderte die Rocklegende mit unserem Mitarbeiter David  Sheff über Drogen, die Kunst, die Korruptheit der US-Politiker und den  Kampf gegen die Krankheit.

Interview: David Sheff

PLAYBOY: Du gehst ziemlich  vielen Leuten auf die Nerven. Macht es dir eigentlich Spaß, andere  Menschen zu verärgern?

ZAPPA: Nein.

PLAYBOY: Dein "Phi Zappa Krappa" Poster, auf dem du nackt posiert hast, hat ziemlich viele Leute abgestoßen.

ZAPPA: Kann schon sein. Na  und?

PLAYBOY: Gerüchten zufolge hast du auch mal dein Publikum angepinkelt.

ZAPPA: Ich habe auf der Bühne nie meinen Pimmel aus der Hose geholt, und das gleiche gilt auch für alle anderen Mitglieder der Band.

PLAYBOY: Dank solcher Songs wie Dinah Moe Humm (Textzeile: "Ich hab vierzig Dollar, und jetzt sag, dass du's mir nicht besorgen kannst") oder He's So Gay hat  man dir vorgeworfen, du seiest ein Sexist, ein Frauen- und  Schwulenhasser.

ZAPPA: Manche Leute kapieren  meinen Witz nicht. Ich war immer ein bequemer Feind, und bestimmte  Gruppen konnten ihre Anliegen durch Angriffe gegen mich optimal in die  Öffentlichkeit tragen. Aber ich habe nichts gegen Schwule.

PLAYBOY: Was geht dir momentan akut gegen den Strich, politisch?

ZAPPA: Unser Bildungssystem.  Die Schulen sind wertlos, weil die Bücher wertlos sind ­ alle frisiert  von rechten Gruppen und unterschwellig faschistisch. Die Köpfe unserer  Kinder werden mit so vielen Lügen vollgestopft, dass sie am Ende ihrer Ausbildung vollkommen unfähig sind. Sie können nicht lesen, sie können  nicht schreiben, sie können nicht denken. So etwas nenne ich  Kindesmissbrauch.

PLAYBOY: Hast du deine Kinder  derart missbrauchen lassen?

ZAPPA: In Kalifornien darf man seine Kinder mit fünfzehn aus der Schule nehmen, sofern sie einen  entsprechenden Test bestehen. Die drei Ältesten sind entkommen. Die  jüngste, Diva, hat noch zwei Jahre vor sich.

PLAYBOY: Was hast du deinen  Kinder zum Thema Drogen gesagt?

ZAPPA: Ich sagte ihnen nur:  "Im Fernsehen zeigen sie euch immer wieder Leute, die durch Drogen  ausgerastet sind Ihr müsst euch diese Arschlöcher bloß anschauen." Das  haben sie kapiert.

PLAYBOY: Moderate Töne für  einen Ex-Bürgerschreck. Ist dein Interesse an Rock'n'Roll abgeflaut?

ZAPPA: Mein Hauptinteresse gilt inzwischen der Komposition. Einen Einfall zu haben und ihn  auf eine Weise umzusetzen, die andere Leute dann hören können - das  befriedigt mich.

PLAYBOY: Vermisst du...

ZAPPA: ... das  Rock'n'Roll-Leben? Nein.

PLAYBOY: Und wie ist es mit  dem Feeling, auf der Bühne zu stehen?

ZAPPA: Das vermisse ich ein  bisschen. Ab und zu wünsche ich mir, wieder Gitarre spielen zu können - aber der Aufwand und der Preis wären zu hoch.

PLAYBOY: Lass uns ein bisschen über deine Kindheit reden. Waren deine Eltern religiös?

ZAPPA: Ziemlich religiös.

PLAYBOY: Kirche und Beichtstuhl?

ZAPPA: 0 ja. Sie bestanden darauf, dass ich alles mitmachte. Sie haben mich sogar auf eine katholische Schule geschickt, aber das Gastspiel war sehr kurz. Als der  Pinguin mit dem Lineal auf mich losging, war ich weg.

PLAYBOY: Du warst also recht  aufsässig als Kind?

ZAPPA: Ja. Aber bis ich achtzehn war, ging ich trotzdem regelmäßig zur Kirche. Und dann ging mir plötzlich ein Licht auf. Diese ganze sinnlose Morbidität und Disziplin  ist ziemlich krankhaft - blutend dies, schmerzend jenes und kein Fleisch am Freitag. Was soll der ganze Scheiß?

PLAYBOY: Ist deine respektlose und ausgeflippte Musik auch eine Reaktion auf diese katholische  Erziehung?

ZAPPA: Na ja, ich konnte nur  ein guter Musiker werden, weil ich kein überzeugter Christ mehr war. Um  ein guter Katholik zu sein, muss man im Endeffekt aufhören zu denken.

PLAYBOY: Hast du damals, in  den Sixties, mit Drogen geliebäugelt?

ZAPPA: Nein. Man musste sich doch nur die Leute anschauen, die Drogen nahmen. Das hat mir schon  gereicht.

PLAYBOY: Das hört sich aber immer noch sehr katholisch an.

ZAPPA: Ich mache nicht auf  Bill Clinton und behaupte, nie gekifft zu haben. Ich habe Marihuana  ausprobiert und gewartet, dass was passiert. Ich kriegte einen rauhen  Hals und wurde müde. Fertig.

PLAYBOY: Hast du dich  anderweitig an der Gegenkultur beteiligt? Sex? Freie Liebe?

ZAPPA: Um daran beteiligt zu  sein, musste man auch die ganze Drogenkiste mitmachen. Man musste  Erfahrung haben. Erfahrung im Sinne von Jimi Hendrix. Aber alle Leute  mit Erfahrung, die ich kannte, entwickelten sich zu Zombies.

PLABOY: Hat es dich gestört,  dass dein Publikum meistens high war?

ZAPPA: Am schlimmsten war, dass ich den Geruch von Marihuana eigentlich nicht ausstehen konnte. Ich  musste in Läden auftreten, in denen der lila Dunst in der Luft lag. Aber die Leute konnten natürlich machen, was sie wollten.

PLAYBOY: Trotzdem hast du  lange vor Nancy Reagan propagiert, dass Drogen idiotisch seien.

ZAPPA: Ja, und deswegen habe ich mich damals auch nicht gerade großer Popularität erfreut.

PLAYBOY: Hast du dich als  Außenseiter gefühlt? Könnte man sagen, dass außer dir jeder nennenswerte  Rockstar...

ZAPPA: auf dem Trip war? Ja. Und es waren nicht bloß die anderen Musiker, sondern auch die Leute in  der eigenen Band. Aber wenn ich einen auf der Bühne beim Kiffen erwischt hätte, wäre er rausgeflogen. Wie gesagt: Ich war nicht gerade beliebt  damals.

PLAYBOY: Hattest du viel  Kontakt zu anderen Kollegen aus der Musik-Szene?

ZAPPA: Nein. Die meisten  Rockstars hatten nicht besonders viel im Oberstübchen. Ich hatte nie das dringende Bedürfnis, mich mit ihnen abzugeben.

PLAYBOY: Haben dich die großen Musiker der Sixties überhaupt interessiert? Was war mit Dylan, Hendrix oder den Stones?

ZAPPA: Hendrix' frühe Stücke waren seine besten, weil er einfach besessen und brutal war. Aber je experimenteller er wurde, desto langweiliger und dünner wurden seine Songs. Bob Dylan klang mir irgendwann zu sehr nach Cowboy-Musik, und ich hasse Cowboy-Musik. Aber die Stones mochte ich wirklich.

PLAYBOY: Die Sixties sind für dich also nicht die gute alte Zeit?

ZAPPA: Ich betrachte sie als  die alte Zeit. Aber wir hatten natürlich unseren Spaß.

PLAYBOY: Und es gab jede Menge Zoff - mit John Wayne zum Beispiel.

ZAPPA: Ja. Er kam  sturzbetrunken zu einer der Shows. Er sah mich, nahm mich in die Arme und sagte: "Ich hab dich in Ägypten gesehen, du warst phantastisch ...  und dann hast du mir wirklich toll einen geblasen!" Von der Bühne aus sagte ich: "Meine Damen und Herren, es ist Halloween, und ursprünglich hatten wir für heute abend einige wichtige Gäste vorgesehen, unter anderem George Lincoln Rockwell, den Vorsitzenden der amerikanischen  Nazi-Partei. Aber leider konnten wir nur John Wayne bekommen." Er stand auf, hielt eine betrunkene Rede, und seine Leibwächter rieten mir, mich lieber abzuregen.

PLAYBOY: Es gab noch andere Charaktertypen damals, Cynthia Plaster-Caster etwa. Erzähl uns von ihr.

ZAPPA: Eric Clapton stellte mir die Plaster-Casters vor. Sie hatten lauter Statuen: Pimmel von Leuten wie Jimi Hendrix. Eine von ihnen mischte den Gips für die Gussform, und die andere hat dem Modell einen geblasen. Sie nahm den  Pimmel des Typen aus dem Mund, und dann packte die andere den Gips drauf. Ich habe damals abgelehnt, einbalsamiert zu werden.

PLAYBOY: Hältst du dich jetzt auch noch über Pop und Rock auf dem laufenden?

ZAPPA: Wo soll man sich denn  auf dem laufenden halten? Wenn irgendwas wirklich sensationell ist, dann kommt es ohnehin nicht auf MTV.

PLAYBOY: Eine Zeitlang warst  du Talkmaster bei FNN. Du wolltest den tschechoslowakischen Präsidenten  Václav Havel einladen, stimmt's?

ZAPPA: Ja. Ich wollte Havel  über die Wirtschaftspolitik seines Landes interviewen und traf ihn in  Prag. Aber er hatte keinerlei Ahnung von der Materie. Das Interview fand nicht statt, aber es war großartig, ihn kennenzulernen.

PLAYBOY: Wieso warst du so an  Havel interessiert?

ZAPPA: Ich finde eben, dass die Samtene Revolution ein kleines Wunder war. Und da er im Brennpunkt der  ganzen Geschichte stand, wollte ich mich gern mit ihm unterhalten. Er  ist wirklich ein faszinierender Mann.

PLAYBOY: Hat es dich eigentlich überrascht, dass es hinter dem Eisernen Vorhang so viele  Zappa-Fans gab?

ZAPPA: Nicht nur Fans, auch  Leute, die mich hassten: die Geheimpolizei.

PLAYBOY: Was hatte die  Geheimpolizei gegen dich?

ZAPPA: In Prag erzählte man  mir, dass ich und Jimmy Carter als die schlimmsten Feinde der  kommunistischen CSSR galten. Und ein Student berichtete, dass er von der  Geheimpolizei verhaftet und geschlagen wurde: Sie wollten die  Zappa­Musik aus ihm herausprügeln.

PLAYBOY: Was hältst du von der Politik der USA im freien Osteuropa?

ZAPPA: Eine Katastrophe! Die Leute verelenden und sehnen sich plötzlich nach der guten alten Zeit. Wenn man den Kommunismus wirklich für die größte Gefahr des Universums hält, warum arbeitet man dann so intensiv an seinem Comeback? Die Commies brauchen weder Panier noch Gewehre für eine Machtübernahme - sie müssen sich einfach nur an den Wahlen beteiligen.

PLAYBOY: Manchmal redest du  wie ein politischer Kandidat. Wie ernst war es dir eigentlich mit deinen Plänen für die Präsidentschaftswahlen?

ZAPPA: Sehr ernst. Aber es ist ziemlich schwierig, eine Wahlkampagne aufzuziehen, wenn man Krebs hat.

PLAYBOY: Wenn du kandidiert und gewonnen hättest - was wäre deine erste Amtshandlung gewesen?

ZAPPA: Ich hätte als erstes die Regierung abgeschafft.

PLAYBOY: Zappa, der Anarcho-Präsident? ZAPPA: Ich glaube, dass die meisten  vernünftigen Leute sich einig wären, dass wir Wasser brauchen, das man  trinken kann, und Luft, die man atmen kann. Die meisten Leute begreifen, dass es eine Form der koordinierten Infrastruktur geben muss und eine  nationale Verteidigung, die dem Ausmaß der möglichen Bedrohung durch  andere Länder entspricht.

PLAYBOY: Du bist kein  Friedensapostel? ZAPPA: Die menschliche Natur und die menschliche Dummheit erzeugen oft Gewalt. Wenn Gewalt zu einem internationalen  Konflikt eskaliert, sollte man in der Lage sein, sich selbst zu schützen. Aber man sollte seine Verteidigung nicht auf die Informationen mieser Geheimdienste stützen, so wie wir das im kalten Krieg getan  haben. Jeder wusste, dass die UdSSR ein maroder, harmloser Schrotthaufen  war, aber zum Segen unserer Rüstungsbosse wurde trotzdem aufgerüstet.

PLAYBOY: Du willst einerseits  das ganze Regierungssystem auflösen, andererseits hast du deine Fans  immer aufgefordert, an Wahlen teilzunehmen. Wie passt das zusammen?

ZAPPA: Selbst wenn einem die  Kandidaten nicht passen, geht es immer um Anliegen, die einen direkt  berühren. Die Budgetpläne wirken sich eben auf meinen Geldbeutel aus.  Aber das ist auch schon der einzige Grund, weswegen man wählen sollte. Was die übrige Regierung angeht: Vergiss es! Zuviel Personal, zuviel  Leerlauf, zuviel Energieverschwendung, zuviel pompöse Pseudo-Grandezza.

PLAYBOY: Was ist mit den  Medien?

ZAPPA: Genau so eine Bande! CNN zum Beispiel verbreitet ungefiltert die Worte dieser minderwertigen Vertreter der menschlichen Spezies, die es fertiggebracht haben, in  Washington Fuß zu fassen.

PLAYBOY: Dein Urteil ist, gelinde gesagt, etwas sehr pauschal.

ZAPPA: Sei doch ehrlich:  Einige dieser Journalisten sind Verbrecher. Wieso lassen wir uns solche Typen gefallen?

PLAYBOY: Da steckt wahrscheinlich eine Verschwörung dahinter?

ZAPPA: Ja. Du musst das gar nicht ironisieren. Es ist reine Propaganda.

PLAYBOY: Du behauptest also,  die Medien seien die Sprachrohre der Macht?

ZAPPA: Die Medien sind ein  Teil des Systems. Glaubst du wirklich, die Medien gehören den Liberalen? Ich nicht. Und selbst wenn: Man kann diese ganzen kriminellen  Gesellschaftsklassen ohnehin nicht mehr auseinander halten.

PLAYBOY: Da meldet sich der  alte Zyniker zu Wort.

ZAPPA: Es ist schwer, nicht  zynisch zu sein.

PLAYBOY: Aber du willst den  Mächtigen die Hölle trotzdem heiß machen?

ZAPPA: Pessimismus und Kampf  schließen sich nicht aus. Anderen die Hölle heiß zu machen gehört zu  meinen ureigensten Verhaltensweisen. Jedenfalls bin ich hinsichtlich der Zukunft dieses Landes nicht besonders optimistisch. Es sei denn, es findet ein radikaler Umschwung statt.

PLAYBOY: Du hast politische  Erfahrungen auch im Kampf gegen Plattenfirmen gemacht. Die Konzerne  wollten ihre Alben, Ähnlich wie bei der Filmfreigabe, mit Warnaufklebern kennzeichnen. Die Saubermänner' haben gewonnen. Hatte das irgendwelche  Konsequenzen?

ZAPPA: Bedrohliche  Konsequenzen.

PLAYBOY: Warum? Die Warnaufkleber fördern den Verkauf: Die Kids stehen doch auf die schlimmen Texte.

ZAPPA: Von den meisten  Rap-Musikern kann man aber nicht behaupten, dass sie Millionen an Platten verkaufen.

PLAYBOY: Glaubst du nicht, dass bestimmte Gewalt-Songs die Leute zu Mord oder Vergewaltigung oder zum  Suizid anstiften können?

ZAPPA: Die allermeisten Songs sind Liebeslieder. Wenn Songs die Leute zu irgend etwas anstiften  könnten, dann würden wir uns ständig alle lieben. Gewalt in Songs  funktioniert genauso wie Gewalt in Filmen. In Zwei stahlharte Profis werden Menschen in die Luft gesprengt, zermatscht, verstümmelt. Die Zuschauer würden so etwas aber nie wirklich tun.

PLAYBOY: Hat man dich jemals  zensiert?

ZAPPA: Nein. Ich tue, was mir  passt. Obwohl es natürlich gewisse Kreise gibt, in denen meine Alben  nicht auftauchen. Hier in Amerika herrscht eine lächerliche Angst davor, dass die Musik unsere Jugend verderben könnte. Das ist idiotisch. Aber  diese schleichende oder auch offene Zensur verwandelt die Vereinigten  Staaten im Endeffekt in einen Polizeistaat. Es geht gar nicht darum, dass Kinder schmutzige Wörter aufschnappen. Es geht darum, Ideen unter Verschluss zu halten. Was immer die Mächtigen nicht wahrhaben wollen: Es  wird zensiert! Jeder Widerstand soll erstickt werden. Erst wird der  Rock'n'Roll unterdrückt, danach kommen Bücher und alles andere. Aber  Zensur ist Kommunismus. Warum lassen wir uns kommunistische  Unterdrückung zu einem Zeitpunkt gefallen, an dem alle anderen Menschen  auf der ganzen Welt begriffen haben, dass so etwas nicht hinhaut?

Seien wir ehrlich, Leute: Die  Politiker in den Vereinigten Staaten sind das allerletzte. Wir müssen  jedem einzelnen von ihnen auf den Pelz rücken, weil sie Ungeziefer sind. Die Gesetze, die sie Stück um Stück verabschieden, machen Amerika zum  Polizeistaat.

PLAYBOY: Es muss dir doch  seltsam vorkommen, dass in diesem korrupten System ein aufrechter Typ wie Al Gore zum Vizepräsidenten gemacht wurde.

ZAPPA: Clinton dachte, das sei ein geschickter Schachzug, um Dan Quayle und sein unsinniges Gequake über den Wert der Familie auszuschalten.

PLAYBOY: Du hast dich auch  immer gegen den Rassismus engagiert. Lass uns über die Unruhen in Los  Angeles reden. Was hast du während des Aufstands gemacht? Warst du  irgendwo engagiert, in einem Komitee?

ZAPPA: Nein. Aber ich habe  sämtliche Berichte darüber aufgezeichnet, auf allen Kanälen. Ich habe es aus jeder nur möglichen Perspektive mitgekriegt, und einige ganz  unglaubliche Dinge wurden nicht landesweit übertragen.

PLAYBOY: Zum Beispiel?

ZAPPA: Aufnahmen von einem  Soldatentrupp in der Kaserne von Orange County. Sie trugen die gleichen  Nervengas-Schutzanzüge, die im Golfkrieg eingesetzt wurden. Entweder  hatten die Gangs wirklich Nervengas gebunkert, oder es gab Pläne, die  Unruhen auf die ganz brutale Art niederzuschlagen.

PLAYBOY: Du hast gesagt, dass  du einige deiner Pläne - unter anderem deine Präsidentschaftskandidatur - wegen der Krankheit nicht durchziehen konntest. Wie hat sich der Krebs  sonst noch auf dein Leben ausgewirkt?

ZAPPA: In dem Augenblick, in  dem einem jemand eröffnet, dass man Krebs hat, verändert sich das ganze  Leben radikal - egal, ob man die Krankheit besiegt oder nicht. Das ist so, als bekäme man ein verdammtes Brandmal aufgedrückt. Und für die  amerikanischen, Mediziner ist man sowieso nur ein Stück Fleisch. Das  Leben wird komplizierter, weil man neben seinen sonstigen Aufgaben auch  noch jeden einzelnen Tag um sein Leben kämpfen muss. Musik zu machen ist schwer genug, aber größere körperliche Belastungen sind einfach nicht  mehr drin. Außerdem machen mich die ganzen Pillen fix und fertig.

PLAYBOY: Nimmst du gerade  irgendwelche Medikamente?

ZAPPA: Ja. Und ich habe  vierzig Pfund Übergewicht, weil sich durch das Zeug in meinem Körper  ständig Wasser ansammelt. Ich bin ein wandelnder Ballon. Man kann nicht  einfach Aspirin nehmen und die ganze Sache vergessen. Es ist eine verdammte Schlacht.

PLAYBOY: Kannst du reisen, oder musst du ständig in Reichweite deiner Ärzte bleiben?

ZAPPA: Na ja, ich muss mich  regelmäßig meinen Tests unterziehen, alle zwei Monate. Man muss in der  Nähe eines Arztes bleiben, dem man vertraut. Man möchte ja nicht  unbedingt in einem russischen Krankenhaus landen. So was kann ja tödlich enden. Eine Freundin von mir hatte einen Autounfall und landete in  einem russischen Krankenhaus. Es gab dort weder Narkose noch  Einwegspritzen. Als ihr der Arzt ohne Betäubung das gebrochene Bein  richtete, sagte er mir: "An Schmerzen ist noch keiner gestorben."

PLAYBOY: Seit wann weißt du, dass du Krebs hast?

ZAPPA: Ich habe es im Frühjahr 1990 erfahren.

PLAYBOY: Kam es unerwartet?

ZAPPA: Ich hatte mich seit  einigen Jahren nicht ganz wohl gefühlt, aber niemand hat die richtige  Diagnose gestellt. Dann wurde ich wirklich krank und musste ins  Krankenhaus eingeliefert werden. Während ich dort war, machten sie  einige Tests und fanden heraus, dass der Tumor schon seit acht bis zehn  Jahren existierte und vor sich hinwuchs. Als sie ihn endlich fanden, war er inoperabel.

PLAYBOY: Was haben die Ärzte  mit dir angestellt?

ZAPPA: Ich möchte mich nicht  bis ins kleinste morbide Detail hinein darüber verbreiten, was man mit  mir angestellt hat, aber ich kann eine Zusammenfassung geben. Als ich  ins Krankenhaus kam, war der Tumor so groß, dass ich nicht mehr pinkeln  konnte. Nur um mein Überleben zu sichern, mussten sie ein Loch in meine  Blase bohren. Mehr als ein Jahr habe ich mit einem Schlauch in der Blase und einem Beutel am Bein zugebracht. So was hält einen von ausgedehnten Reisen ab. Als Ergebnis der Bestrahlungen schrumpfte der Tumor soweit,  dass ich den Beutel abnehmen und wieder aufs Klo gehen konnte, aber die  Nebenwirkungen waren schlimm. Ich möchte nicht weiter darüber sprechen.  Es ist wirklich kein Vergnügen.

PLAYBOY: Aber du kannst noch  einige wichtige Dinge tun - komponieren zum Beispiel.

ZAPPA: Manchmal geht es  besser, manchmal schlechter. Das Sitzen ist an manchen Tagen sehr  schmerzhaft, und diese Arbeit wird eben sitzend am Computer erledigt.  Früher konnte ich 16 bis 18 Stunden am Tag arbeiten, aber nun geht es an manchen Tagen überhaupt nicht. An anderen vielleicht zwei Stunden und  manchmal sogar zehn Stunden.

PLAYBOY: Wie wirkt sich die  Krankheit auf dein Familienleben aus?

ZAPPA: Na ja, hier im Haus ist es kein Geheimnis, dass ich krank bin. Sie sind alle sehr nett zu mir.  Sie passen auf mich auf.

PLAYBOY: Und gefühlsmäßig?  Eine Berg- und Talfahrt?

ZAPPA: Die Emotionen werden  eher von den Medikamenten beeinflusst als von den Gedanken an die  Krankheit. Was soll man auch machen? Menschen werden nun mal krank.  Manche können kuriert werden, manche nicht. Aber die Chemikalien mit  denen man behandelt wird, haben ihren Preis. Vorletzte Woche lag ich  drei Tage im Krankenhaus, bis zu den Haarwurzeln vollgepumpt mit  Morphium. Das war ein Erlebnis, das ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Als ich entlassen wurde, hat es fast zehn Tage gedauert, bis  mein Körper wieder clean war.

PLAYBOY: Ab einem gewissen  Punkt ist man sich wahrscheinlich nicht mehr sicher, worunter man mehr  leidet: unter der Krankheit oder den Medikamenten.

ZAPPA: Es bringt wirklich  alles durcheinander. Ich muss an manchen Tagen wichtige Entscheidungen  treffen, aber mit dem Dope im Körper verliert man vollständig den Überblick. Außerdem kann man nie voraussagen, wie man sich am nächsten  Tag fühlen wird. Ich habe diesem Playboy-Interview auch nur  deshalb zugestimmt, weil ich mir sicher war, einer Unterhaltung folgen  zu können. Es ist entwürdigend, wenn man seinem eigenen Urteil nicht  mehr trauen kann.

PLAYBOY: Wir reden jetzt  beinahe sieben Stunden, aber du scheinst gar nicht müde zu werden. Woran liegt das? An der Tagesform?

ZAPPA: Ja. Du hast einen guten Tag erwischt. Morgen kann ich schon wieder flach auf dem Rücken im Bett liegen. Man muss mit seiner Zeit haushalten.

PLAYBOY: Manche Leute würden sich zur Ruhe setzen, das Leben an irgendeinem Strand beschließen.

ZAPPA: Ich nicht. Ich bin  selten bereit zu reisen, selten bereit das Haus zu verlassen. Einfach,  weil ich mein Leben hier genieße und weil ich meine Familie mag.

PLAYBOY: Welche Auswirkungen  hat der Krebs auf deine aktuellen Kompositionen? Bist du vielleicht  melancholischer geworden?

ZAPPA: Ich glaube nicht, dass  die Krankheit momentan irgendwelche derartige Auswirkungen hat. Aber es  gibt ganz profane technische Probleme: Die Arbeit ist manchmal so  beschwerlich, dass ich mich dazu verleiten lasse, ein Stück für abgeschlossen zu erklären. Es gab eine Phase, in der ich an mehreren Stücken arbeitete und diese viel zu früh für beendet erklärte. Da die  Stücke noch nicht veröffentlicht sind, habe ich sie mir wieder  vorgenommen und überarbeitet.

PLAYBOY: Und die Stimmung  deiner Musik hat sich tatsächlich nicht verändert?

ZAPPA: Nein. Ich habe nicht  plötzlich angefangen, traurige Musik zu schreiben. Das liegt mir nicht.

PLAYBOY: Hast du aus der  Krankheit etwas für dein Leben gelernt?

ZAPPA: Ja. Dass wir mutiger,  neugieriger werden müssen. Leute, die sich immer nur mit den einfachsten Befriedigungen, wie Bier und Fußball, zufrieden geben, wären vielleicht glücklicher, wenn sie ihrem Leben etwas mehr Dreidimensionalität verleihen würden. Aber die meisten Leute ruhen sich auf ihren Lorbeeren  aus, sobald sie es geschafft haben, mit simplen Tricks eine gewisse  Befriedigung herzustellen. Sie wissen schon vorher, wie gut sich sich  fühlen werden, wenn ein Fußballspiel übertragen wird. Darüber hinaus  wollen sie nichts wissen. Für mich war nach der Krebsdiagnose  klar: Ich muss über das Fußballspiel und die Bierdose hinausblicken  können. Wenn ich mich erst mal in einen Randbereich vorwage, bin ich  wahrscheinlich um ein paar wichtige Erfahrungen reicher und kann euch  erzählen, was nach dem Fußballspiel kommt.

Playboy 1993     zum Seitenanfang

Presseinfo zu den Auftritten in Deutschland während der Tournee 1971

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Presseinfo zu A Token Of His Extreme, 1976

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Presseinfo zu Tinsel Town Rebellion, 1981

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Pressefotos

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WOM – World Of Music) Journal für aktuelle Musik - Nr. 5/88

 

Er ist wieder da – zum ersten Mal seit Jahren nicht nur auf Vinyl, sondern auch live: Frank Zappa, legendärer Gründer der Mothers Of Invention, Gitarrenvirtuose, genialer Arrangeur, Intellektueller und Satiriker des Rock, nimmermüder Schwimmer gegen den Strom der geistigen Trägheit und verlässliches Enfant terrible.

Auf sein letztjähriges Album „Jazz From Hell“, das er zur Überraschung seiner Anhängerschaft fast ausschließlich mit dem Synclavier einspielte, läßt er nun mit „Guitar“ ein Doppelalbum folgen, auf dem er in aller Ausführlichkeit dem Spiel auf sechs Saiten frönt. In einer Zeit, in der Rockmusik immer mehr auf das Drei-Minuten-Single-Format reduziert wird, setzt Zappa einmal mehr auf Gegentrends – mit seiner exzellenten Elfmannband auf der Bühne und auch im Studio daheim in Los Angeles.

Dabei beweist Frank souveran, wie gekonnt er mit allen erdenklichen Stilen der populären Musik zu jonglieren versteht. Und müssen die Käufer seiner Platte diesmal zugunsten der Musik auf den gewohnten Zappa´schen Wortwitz verzichten (es ist eine reine Instrumental-LP), so kommen die Besucher seiner Konzerte in den Genuß der gesamten Zappa-Bandbreite, von der Ansprache in Sachen Weltpolitik bis zum Rocktheater-Klamauk. (Ausführlicher Bericht im Sonderteil!)

 

Here Comes The Sun

Nie war er so wertvoll wie heute – der Chef-Satiriker des Rock mit neuer LP und seiner ersten Tour seit vier Jahren

Er war schon immer etwas anders als die anderen – etwas cleverer, etwas zynischer, und jedenfalls nie an irgendeinen Zeitgeist angepaßt. Gerade deshalb hält sich Francis Vincent Zappa jr. Nun schon seit 20 Jahren unter den angesehensten Rock- und Jazz-Musikern der Welt. Weil seine Werke auf CD besonders gefragt sind, geht es seinem Bankkonto derzeit besser denn je. Aber der musikalische Ehrgeiz läßt ihm keine Ruhe: Zappa kommt erstmals seit Jahren wieder auf Tournee und ein neues Album hat er auch im Gepäck.

Er ist 47 und kein bißchen leise: seit 20 Jahren ist der Chemiker-Sohn Frank Zappa einer der wichtigsten Impulsgeber für die Rockmusik, ein engagierter Kämpfer gegen Chauvinismus und Rassendiskriminierung in den USA und für ein liberaleres Klima in den Staaten.  In den letzten Jahren hat Zappa vor allem durch sein engagiertes Auftreten gegen die zensurwütigen Senatorengattinen in Washington und seine Hinwendung zum Synclavier von sich Reden gemacht.

Viele hatten schon gefürchtet, Zappa habe die Klampfe für immer in die Ecke gestellt, als der Meister im vergangenen Jahr auf seiner LP „Jazz From Hell“ vornehmlich in die Tasten des elektronischen Wunderinstruments griff – diese Ängste waren jedoch unbegründet: Sein aktuelles Album trägt den simplen Titel „Guitar“ und das nicht ohne Grund. Zappa beweist nachdrücklich, ausgiebig und souverän, wie virtuos er Gitarre spielen kann. Seit seinem „Shut Up `N´ Play Yer Guitar“-Abum hat er keine solche Gitarrenorgie mehr abgezogen – für Saitenfans ein Fest ohnegleichen. Zustatten kommt dem Amerikaner dabei eine fabelhafte Rhythmusgruppe, die dem Meister jedes gewünschte Fundament liefern kann, vom simplen, aber kraftvollen Viertöne-Bluesriff bis zum Salsa in „Oye Como Va“-Manier.

Zappa´s wiedergefundene Spiellust können die deutschen Fans momentan auch live erleben – seit Mitte April ist er in unseren Landen unterwegs. Schon der Tourstart in den USA war zum Triumph geraten: Mit drei ausverkauften Konzerten, in denen er in einer grandiosen Elf-Mann-Band sein gesamtes musikalisches Spektrum zwischen Elektro-Pop, Blues-Rock und Jazz, von der Minimal Music bis zur Suite, zur Begeisterung von 18.000 New Yorkern voll ausspielte, meldete sich Zappa dort im Februar dieses Jahres wieder auf den Konzertbühnen zurück.

Die bedeutende New Yorker Kulturzeitschrift „Rolling Stone“ urteilte hinterher, „einer der letzten zornigen Männer der populären Musikszene“ habe mit seiner „intellektuell wie technisch extrem herausfordernden Musik“ ein perfektes Comeback gefeiert.

Das kann bei den Konzerten in der Bundesrepublik eigentlich nur noch besser werden – schließlich ist die Band mit jedem Konzertabend noch ein bißchen besser eingespielt. Und was zu jedem Zappa-Konzert gehört wie das Salz in der Suppe, nämlich die „dirty jokes“, wird auch nicht fehlen.

Im Übrigen heißt´s sich ranhalten: Für die nähere Zukunft hat Zappa Filmprojekte – da kann´s bis zur nächsten Tour wieder ein paar Jahre dauern.

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