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Playboy: Zappa interviewt von David Sheff
Der Mann ist längst Legende: Frank Zappa, der Musiker, der Bürgerschreck, der Genius. Ein offenes Gespräch mit dem originellsten Kopf der Rockmusik über die wilden 60er, Drogen, korrupte Politiker und seinen Kampf gegen den Krebs.
Nur wenige Leute würden bestreiten, dass Václav Havel, der tschechische Präsident, und Matt Groening, der Schöpfer der "Simpsons", ein ungleiches Paar abgeben. Doch als sie in unabhängigen Interviews befragt wurden, wer den größten Einfluss auf ihr Leben hatte, nannten beiden denselben Namen: Frank Zappa. "Wer sonst?" fragte Groening. "Ich habe mir die Musik angehört, ich habe die Texte analysiert, und das hat mich verwandelt."
Frank Zappa ist längst eine Legende geworden, und im Lauf seiner Karriere blieb kaum etwas von seinen boshaften musikalischen Satiren verschont. Mit Reißzähnen ging Zappa auf Modetrends, Heucheleien und Stereotype los und vergrätzte so die verschiedenen Leute. Frauen erbosten sich über den Song "Titties And Beer", Eltern reagierten mit Entsetzen auf seine schweinösen Texte, und "He's So Gay" brachte die Schwulen auf die Palme.
Nicht nur seine Liedzeilen, auch Zappas Musik sorgte für Konfusion, denn der Genius versuchte sich an allem: an Rock, an Jazz und an klassischer Musik. Zappa hat über fünfzig Alben veröffentlicht, und seine klassischen Werke kamen auch in eher gediegenen Kreisen an (seine Klassik-LPs wurden übrigens vom London Symphony Orchestra eingespielt).
Zappa machte sich auch dann Feinde, wenn er keine Musik schrieb. Er legte sich regelmäßig mit den Saubermännern der US-Politik an und ermunterte sein Publikum immer wieder zur Teilnahme an Wahlen. 1991 kündigte der Rocker gar an, bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren zu wollen.
Zappas Musik war seit den 60er Jahren auch hinter den eisernen Vorhang geschmuggelt worden, und vor allem in den Augen des tschechischen Volkes war er ein Held - sein Song "Plastic People" wurde zur Hymne des Untergrunds. Als Dankeschön und Huldigung an einen großen Musiker und Demokraten ernannte Präsident Václav Havel deshalb den Rocker zum Sonder-Botschafter für Handel, Kultur und Tourismus. Aber die US-Regierung intervenierte, und der Dichterpräsident kuschte: Die Ernennung wurde prompt zurückgezogen.
Zappa gilt als Bürgerschreck und Sonderling, aber sein Familienleben scheint ausgesprochen normal zu sein. Inzwischen ist er 52, seit 25 Jahren mit Gail verheiratet und hingebungsvoller Vater seiner vier Kinder.
Im November 1991 ließ Zappa verlauten, dass er an Prostatakrebs leide. Seither quälen ihn starke Schmerzen im Unterleib. Für den Playboy nahm er sich trotzdem viel Zeit - sieben Stunden plauderte die Rocklegende mit unserem Mitarbeiter David Sheff über Drogen, die Kunst, die Korruptheit der US-Politiker und den Kampf gegen die Krankheit.
Interview: David Sheff
PLAYBOY: Du gehst ziemlich vielen Leuten auf die Nerven. Macht es dir eigentlich Spaß, andere Menschen zu verärgern?
ZAPPA: Nein.
PLAYBOY: Dein "Phi Zappa Krappa" Poster, auf dem du nackt posiert hast, hat ziemlich viele Leute abgestoßen.
ZAPPA: Kann schon sein. Na und?
PLAYBOY: Gerüchten zufolge hast du auch mal dein Publikum angepinkelt.
ZAPPA: Ich habe auf der Bühne nie meinen Pimmel aus der Hose geholt, und das gleiche gilt auch für alle anderen Mitglieder der Band.
PLAYBOY: Dank solcher Songs wie Dinah Moe Humm (Textzeile: "Ich hab vierzig Dollar, und jetzt sag, dass du's mir nicht besorgen kannst") oder He's So Gay hat man dir vorgeworfen, du seiest ein Sexist, ein Frauen- und Schwulenhasser.
ZAPPA: Manche Leute kapieren meinen Witz nicht. Ich war immer ein bequemer Feind, und bestimmte Gruppen konnten ihre Anliegen durch Angriffe gegen mich optimal in die Öffentlichkeit tragen. Aber ich habe nichts gegen Schwule.
PLAYBOY: Was geht dir momentan akut gegen den Strich, politisch?
ZAPPA: Unser Bildungssystem. Die Schulen sind wertlos, weil die Bücher wertlos sind  alle frisiert von rechten Gruppen und unterschwellig faschistisch. Die Köpfe unserer Kinder werden mit so vielen Lügen vollgestopft, dass sie am Ende ihrer Ausbildung vollkommen unfähig sind. Sie können nicht lesen, sie können nicht schreiben, sie können nicht denken. So etwas nenne ich Kindesmissbrauch.
PLAYBOY: Hast du deine Kinder derart missbrauchen lassen?
ZAPPA: In Kalifornien darf man seine Kinder mit fünfzehn aus der Schule nehmen, sofern sie einen entsprechenden Test bestehen. Die drei Ältesten sind entkommen. Die jüngste, Diva, hat noch zwei Jahre vor sich.
PLAYBOY: Was hast du deinen Kinder zum Thema Drogen gesagt?
ZAPPA: Ich sagte ihnen nur: "Im Fernsehen zeigen sie euch immer wieder Leute, die durch Drogen ausgerastet sind Ihr müsst euch diese Arschlöcher bloß anschauen." Das haben sie kapiert.
PLAYBOY: Moderate Töne für einen Ex-Bürgerschreck. Ist dein Interesse an Rock'n'Roll abgeflaut?
ZAPPA: Mein Hauptinteresse gilt inzwischen der Komposition. Einen Einfall zu haben und ihn auf eine Weise umzusetzen, die andere Leute dann hören können - das befriedigt mich.
PLAYBOY: Vermisst du...
ZAPPA: ... das Rock'n'Roll-Leben? Nein.
PLAYBOY: Und wie ist es mit dem Feeling, auf der Bühne zu stehen?
ZAPPA: Das vermisse ich ein bisschen. Ab und zu wünsche ich mir, wieder Gitarre spielen zu können - aber der Aufwand und der Preis wären zu hoch.
PLAYBOY: Lass uns ein bisschen über deine Kindheit reden. Waren deine Eltern religiös?
ZAPPA: Ziemlich religiös.
PLAYBOY: Kirche und Beichtstuhl?
ZAPPA: 0 ja. Sie bestanden darauf, dass ich alles mitmachte. Sie haben mich sogar auf eine katholische Schule geschickt, aber das Gastspiel war sehr kurz. Als der Pinguin mit dem Lineal auf mich losging, war ich weg.
PLAYBOY: Du warst also recht aufsässig als Kind?
ZAPPA: Ja. Aber bis ich achtzehn war, ging ich trotzdem regelmäßig zur Kirche. Und dann ging mir plötzlich ein Licht auf. Diese ganze sinnlose Morbidität und Disziplin ist ziemlich krankhaft - blutend dies, schmerzend jenes und kein Fleisch am Freitag. Was soll der ganze Scheiß?
PLAYBOY: Ist deine respektlose und ausgeflippte Musik auch eine Reaktion auf diese katholische Erziehung?
ZAPPA: Na ja, ich konnte nur ein guter Musiker werden, weil ich kein überzeugter Christ mehr war. Um ein guter Katholik zu sein, muss man im Endeffekt aufhören zu denken.
PLAYBOY: Hast du damals, in den Sixties, mit Drogen geliebäugelt?
ZAPPA: Nein. Man musste sich doch nur die Leute anschauen, die Drogen nahmen. Das hat mir schon gereicht.
PLAYBOY: Das hört sich aber immer noch sehr katholisch an.
ZAPPA: Ich mache nicht auf Bill Clinton und behaupte, nie gekifft zu haben. Ich habe Marihuana ausprobiert und gewartet, dass was passiert. Ich kriegte einen rauhen Hals und wurde müde. Fertig.
PLAYBOY: Hast du dich anderweitig an der Gegenkultur beteiligt? Sex? Freie Liebe?
ZAPPA: Um daran beteiligt zu sein, musste man auch die ganze Drogenkiste mitmachen. Man musste Erfahrung haben. Erfahrung im Sinne von Jimi Hendrix. Aber alle Leute mit Erfahrung, die ich kannte, entwickelten sich zu Zombies.
PLABOY: Hat es dich gestört, dass dein Publikum meistens high war?
ZAPPA: Am schlimmsten war, dass ich den Geruch von Marihuana eigentlich nicht ausstehen konnte. Ich musste in Läden auftreten, in denen der lila Dunst in der Luft lag. Aber die Leute konnten natürlich machen, was sie wollten.
PLAYBOY: Trotzdem hast du lange vor Nancy Reagan propagiert, dass Drogen idiotisch seien.
ZAPPA: Ja, und deswegen habe ich mich damals auch nicht gerade großer Popularität erfreut.
PLAYBOY: Hast du dich als Außenseiter gefühlt? Könnte man sagen, dass außer dir jeder nennenswerte Rockstar...
ZAPPA: auf dem Trip war? Ja. Und es waren nicht bloß die anderen Musiker, sondern auch die Leute in der eigenen Band. Aber wenn ich einen auf der Bühne beim Kiffen erwischt hätte, wäre er rausgeflogen. Wie gesagt: Ich war nicht gerade beliebt damals.
PLAYBOY: Hattest du viel Kontakt zu anderen Kollegen aus der Musik-Szene?
ZAPPA: Nein. Die meisten Rockstars hatten nicht besonders viel im Oberstübchen. Ich hatte nie das dringende Bedürfnis, mich mit ihnen abzugeben.
PLAYBOY: Haben dich die großen Musiker der Sixties überhaupt interessiert? Was war mit Dylan, Hendrix oder den Stones?
ZAPPA: Hendrix' frühe Stücke waren seine besten, weil er einfach besessen und brutal war. Aber je experimenteller er wurde, desto langweiliger und dünner wurden seine Songs. Bob Dylan klang mir irgendwann zu sehr nach Cowboy-Musik, und ich hasse Cowboy-Musik. Aber die Stones mochte ich wirklich.
PLAYBOY: Die Sixties sind für dich also nicht die gute alte Zeit?
ZAPPA: Ich betrachte sie als die alte Zeit. Aber wir hatten natürlich unseren Spaß.
PLAYBOY: Und es gab jede Menge Zoff - mit John Wayne zum Beispiel.
ZAPPA: Ja. Er kam sturzbetrunken zu einer der Shows. Er sah mich, nahm mich in die Arme und sagte: "Ich hab dich in Ägypten gesehen, du warst phantastisch ... und dann hast du mir wirklich toll einen geblasen!" Von der Bühne aus sagte ich: "Meine Damen und Herren, es ist Halloween, und ursprünglich hatten wir für heute abend einige wichtige Gäste vorgesehen, unter anderem George Lincoln Rockwell, den Vorsitzenden der amerikanischen Nazi-Partei. Aber leider konnten wir nur John Wayne bekommen." Er stand auf, hielt eine betrunkene Rede, und seine Leibwächter rieten mir, mich lieber abzuregen.
PLAYBOY: Es gab noch andere Charaktertypen damals, Cynthia Plaster-Caster etwa. Erzähl uns von ihr.
ZAPPA: Eric Clapton stellte mir die Plaster-Casters vor. Sie hatten lauter Statuen: Pimmel von Leuten wie Jimi Hendrix. Eine von ihnen mischte den Gips für die Gussform, und die andere hat dem Modell einen geblasen. Sie nahm den Pimmel des Typen aus dem Mund, und dann packte die andere den Gips drauf. Ich habe damals abgelehnt, einbalsamiert zu werden.
PLAYBOY: Hältst du dich jetzt auch noch über Pop und Rock auf dem laufenden?
ZAPPA: Wo soll man sich denn auf dem laufenden halten? Wenn irgendwas wirklich sensationell ist, dann kommt es ohnehin nicht auf MTV.
PLAYBOY: Eine Zeitlang warst du Talkmaster bei FNN. Du wolltest den tschechoslowakischen Präsidenten Václav Havel einladen, stimmt's?
ZAPPA: Ja. Ich wollte Havel über die Wirtschaftspolitik seines Landes interviewen und traf ihn in Prag. Aber er hatte keinerlei Ahnung von der Materie. Das Interview fand nicht statt, aber es war großartig, ihn kennenzulernen.
PLAYBOY: Wieso warst du so an Havel interessiert?
ZAPPA: Ich finde eben, dass die Samtene Revolution ein kleines Wunder war. Und da er im Brennpunkt der ganzen Geschichte stand, wollte ich mich gern mit ihm unterhalten. Er ist wirklich ein faszinierender Mann.
PLAYBOY: Hat es dich eigentlich überrascht, dass es hinter dem Eisernen Vorhang so viele Zappa-Fans gab?
ZAPPA: Nicht nur Fans, auch Leute, die mich hassten: die Geheimpolizei.
PLAYBOY: Was hatte die Geheimpolizei gegen dich?
ZAPPA: In Prag erzählte man mir, dass ich und Jimmy Carter als die schlimmsten Feinde der kommunistischen CSSR galten. Und ein Student berichtete, dass er von der Geheimpolizei verhaftet und geschlagen wurde: Sie wollten die ZappaÂMusik aus ihm herausprügeln.
PLAYBOY: Was hältst du von der Politik der USA im freien Osteuropa?
ZAPPA: Eine Katastrophe! Die Leute verelenden und sehnen sich plötzlich nach der guten alten Zeit. Wenn man den Kommunismus wirklich für die größte Gefahr des Universums hält, warum arbeitet man dann so intensiv an seinem Comeback? Die Commies brauchen weder Panier noch Gewehre für eine Machtübernahme - sie müssen sich einfach nur an den Wahlen beteiligen.
PLAYBOY: Manchmal redest du wie ein politischer Kandidat. Wie ernst war es dir eigentlich mit deinen Plänen für die Präsidentschaftswahlen?
ZAPPA: Sehr ernst. Aber es ist ziemlich schwierig, eine Wahlkampagne aufzuziehen, wenn man Krebs hat.
PLAYBOY: Wenn du kandidiert und gewonnen hättest - was wäre deine erste Amtshandlung gewesen?
ZAPPA: Ich hätte als erstes die Regierung abgeschafft.
PLAYBOY: Zappa, der Anarcho-Präsident? ZAPPA: Ich glaube, dass die meisten vernünftigen Leute sich einig wären, dass wir Wasser brauchen, das man trinken kann, und Luft, die man atmen kann. Die meisten Leute begreifen, dass es eine Form der koordinierten Infrastruktur geben muss und eine nationale Verteidigung, die dem Ausmaß der möglichen Bedrohung durch andere Länder entspricht.
PLAYBOY: Du bist kein Friedensapostel? ZAPPA: Die menschliche Natur und die menschliche Dummheit erzeugen oft Gewalt. Wenn Gewalt zu einem internationalen Konflikt eskaliert, sollte man in der Lage sein, sich selbst zu schützen. Aber man sollte seine Verteidigung nicht auf die Informationen mieser Geheimdienste stützen, so wie wir das im kalten Krieg getan haben. Jeder wusste, dass die UdSSR ein maroder, harmloser Schrotthaufen war, aber zum Segen unserer Rüstungsbosse wurde trotzdem aufgerüstet.
PLAYBOY: Du willst einerseits das ganze Regierungssystem auflösen, andererseits hast du deine Fans immer aufgefordert, an Wahlen teilzunehmen. Wie passt das zusammen?
ZAPPA: Selbst wenn einem die Kandidaten nicht passen, geht es immer um Anliegen, die einen direkt berühren. Die Budgetpläne wirken sich eben auf meinen Geldbeutel aus. Aber das ist auch schon der einzige Grund, weswegen man wählen sollte. Was die übrige Regierung angeht: Vergiss es! Zuviel Personal, zuviel Leerlauf, zuviel Energieverschwendung, zuviel pompöse Pseudo-Grandezza.
PLAYBOY: Was ist mit den Medien?
ZAPPA: Genau so eine Bande! CNN zum Beispiel verbreitet ungefiltert die Worte dieser minderwertigen Vertreter der menschlichen Spezies, die es fertiggebracht haben, in Washington Fuß zu fassen.
PLAYBOY: Dein Urteil ist, gelinde gesagt, etwas sehr pauschal.
ZAPPA: Sei doch ehrlich: Einige dieser Journalisten sind Verbrecher. Wieso lassen wir uns solche Typen gefallen?
PLAYBOY: Da steckt wahrscheinlich eine Verschwörung dahinter?
ZAPPA: Ja. Du musst das gar nicht ironisieren. Es ist reine Propaganda.
PLAYBOY: Du behauptest also, die Medien seien die Sprachrohre der Macht?
ZAPPA: Die Medien sind ein Teil des Systems. Glaubst du wirklich, die Medien gehören den Liberalen? Ich nicht. Und selbst wenn: Man kann diese ganzen kriminellen Gesellschaftsklassen ohnehin nicht mehr auseinander halten.
PLAYBOY: Da meldet sich der alte Zyniker zu Wort.
ZAPPA: Es ist schwer, nicht zynisch zu sein.
PLAYBOY: Aber du willst den Mächtigen die Hölle trotzdem heiß machen?
ZAPPA: Pessimismus und Kampf schließen sich nicht aus. Anderen die Hölle heiß zu machen gehört zu meinen ureigensten Verhaltensweisen. Jedenfalls bin ich hinsichtlich der Zukunft dieses Landes nicht besonders optimistisch. Es sei denn, es findet ein radikaler Umschwung statt.
PLAYBOY: Du hast politische Erfahrungen auch im Kampf gegen Plattenfirmen gemacht. Die Konzerne wollten ihre Alben, Ähnlich wie bei der Filmfreigabe, mit Warnaufklebern kennzeichnen. Die Saubermänner' haben gewonnen. Hatte das irgendwelche Konsequenzen?
ZAPPA: Bedrohliche Konsequenzen.
PLAYBOY: Warum? Die Warnaufkleber fördern den Verkauf: Die Kids stehen doch auf die schlimmen Texte.
ZAPPA: Von den meisten Rap-Musikern kann man aber nicht behaupten, dass sie Millionen an Platten verkaufen.
PLAYBOY: Glaubst du nicht, dass bestimmte Gewalt-Songs die Leute zu Mord oder Vergewaltigung oder zum Suizid anstiften können?
ZAPPA: Die allermeisten Songs sind Liebeslieder. Wenn Songs die Leute zu irgend etwas anstiften könnten, dann würden wir uns ständig alle lieben. Gewalt in Songs funktioniert genauso wie Gewalt in Filmen. In Zwei stahlharte Profis werden Menschen in die Luft gesprengt, zermatscht, verstümmelt. Die Zuschauer würden so etwas aber nie wirklich tun.
PLAYBOY: Hat man dich jemals zensiert?
ZAPPA: Nein. Ich tue, was mir passt. Obwohl es natürlich gewisse Kreise gibt, in denen meine Alben nicht auftauchen. Hier in Amerika herrscht eine lächerliche Angst davor, dass die Musik unsere Jugend verderben könnte. Das ist idiotisch. Aber diese schleichende oder auch offene Zensur verwandelt die Vereinigten Staaten im Endeffekt in einen Polizeistaat. Es geht gar nicht darum, dass Kinder schmutzige Wörter aufschnappen. Es geht darum, Ideen unter Verschluss zu halten. Was immer die Mächtigen nicht wahrhaben wollen: Es wird zensiert! Jeder Widerstand soll erstickt werden. Erst wird der Rock'n'Roll unterdrückt, danach kommen Bücher und alles andere. Aber Zensur ist Kommunismus. Warum lassen wir uns kommunistische Unterdrückung zu einem Zeitpunkt gefallen, an dem alle anderen Menschen auf der ganzen Welt begriffen haben, dass so etwas nicht hinhaut?
Seien wir ehrlich, Leute: Die Politiker in den Vereinigten Staaten sind das allerletzte. Wir müssen jedem einzelnen von ihnen auf den Pelz rücken, weil sie Ungeziefer sind. Die Gesetze, die sie Stück um Stück verabschieden, machen Amerika zum Polizeistaat.
PLAYBOY: Es muss dir doch seltsam vorkommen, dass in diesem korrupten System ein aufrechter Typ wie Al Gore zum Vizepräsidenten gemacht wurde.
ZAPPA: Clinton dachte, das sei ein geschickter Schachzug, um Dan Quayle und sein unsinniges Gequake über den Wert der Familie auszuschalten.
PLAYBOY: Du hast dich auch immer gegen den Rassismus engagiert. Lass uns über die Unruhen in Los Angeles reden. Was hast du während des Aufstands gemacht? Warst du irgendwo engagiert, in einem Komitee?
ZAPPA: Nein. Aber ich habe sämtliche Berichte darüber aufgezeichnet, auf allen Kanälen. Ich habe es aus jeder nur möglichen Perspektive mitgekriegt, und einige ganz unglaubliche Dinge wurden nicht landesweit übertragen.
PLAYBOY: Zum Beispiel?
ZAPPA: Aufnahmen von einem Soldatentrupp in der Kaserne von Orange County. Sie trugen die gleichen Nervengas-Schutzanzüge, die im Golfkrieg eingesetzt wurden. Entweder hatten die Gangs wirklich Nervengas gebunkert, oder es gab Pläne, die Unruhen auf die ganz brutale Art niederzuschlagen.
PLAYBOY: Du hast gesagt, dass du einige deiner Pläne - unter anderem deine Präsidentschaftskandidatur - wegen der Krankheit nicht durchziehen konntest. Wie hat sich der Krebs sonst noch auf dein Leben ausgewirkt?
ZAPPA: In dem Augenblick, in dem einem jemand eröffnet, dass man Krebs hat, verändert sich das ganze Leben radikal - egal, ob man die Krankheit besiegt oder nicht. Das ist so, als bekäme man ein verdammtes Brandmal aufgedrückt. Und für die amerikanischen, Mediziner ist man sowieso nur ein Stück Fleisch. Das Leben wird komplizierter, weil man neben seinen sonstigen Aufgaben auch noch jeden einzelnen Tag um sein Leben kämpfen muss. Musik zu machen ist schwer genug, aber größere körperliche Belastungen sind einfach nicht mehr drin. Außerdem machen mich die ganzen Pillen fix und fertig.
PLAYBOY: Nimmst du gerade irgendwelche Medikamente?
ZAPPA: Ja. Und ich habe vierzig Pfund Übergewicht, weil sich durch das Zeug in meinem Körper ständig Wasser ansammelt. Ich bin ein wandelnder Ballon. Man kann nicht einfach Aspirin nehmen und die ganze Sache vergessen. Es ist eine verdammte Schlacht.
PLAYBOY: Kannst du reisen, oder musst du ständig in Reichweite deiner Ärzte bleiben?
ZAPPA: Na ja, ich muss mich regelmäßig meinen Tests unterziehen, alle zwei Monate. Man muss in der Nähe eines Arztes bleiben, dem man vertraut. Man möchte ja nicht unbedingt in einem russischen Krankenhaus landen. So was kann ja tödlich enden. Eine Freundin von mir hatte einen Autounfall und landete in einem russischen Krankenhaus. Es gab dort weder Narkose noch Einwegspritzen. Als ihr der Arzt ohne Betäubung das gebrochene Bein richtete, sagte er mir: "An Schmerzen ist noch keiner gestorben."
PLAYBOY: Seit wann weißt du, dass du Krebs hast?
ZAPPA: Ich habe es im Frühjahr 1990 erfahren.
PLAYBOY: Kam es unerwartet?
ZAPPA: Ich hatte mich seit einigen Jahren nicht ganz wohl gefühlt, aber niemand hat die richtige Diagnose gestellt. Dann wurde ich wirklich krank und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Während ich dort war, machten sie einige Tests und fanden heraus, dass der Tumor schon seit acht bis zehn Jahren existierte und vor sich hinwuchs. Als sie ihn endlich fanden, war er inoperabel.
PLAYBOY: Was haben die Ärzte mit dir angestellt?
ZAPPA: Ich möchte mich nicht bis ins kleinste morbide Detail hinein darüber verbreiten, was man mit mir angestellt hat, aber ich kann eine Zusammenfassung geben. Als ich ins Krankenhaus kam, war der Tumor so groß, dass ich nicht mehr pinkeln konnte. Nur um mein Überleben zu sichern, mussten sie ein Loch in meine Blase bohren. Mehr als ein Jahr habe ich mit einem Schlauch in der Blase und einem Beutel am Bein zugebracht. So was hält einen von ausgedehnten Reisen ab. Als Ergebnis der Bestrahlungen schrumpfte der Tumor soweit, dass ich den Beutel abnehmen und wieder aufs Klo gehen konnte, aber die Nebenwirkungen waren schlimm. Ich möchte nicht weiter darüber sprechen. Es ist wirklich kein Vergnügen.
PLAYBOY: Aber du kannst noch einige wichtige Dinge tun - komponieren zum Beispiel.
ZAPPA: Manchmal geht es besser, manchmal schlechter. Das Sitzen ist an manchen Tagen sehr schmerzhaft, und diese Arbeit wird eben sitzend am Computer erledigt. Früher konnte ich 16 bis 18 Stunden am Tag arbeiten, aber nun geht es an manchen Tagen überhaupt nicht. An anderen vielleicht zwei Stunden und manchmal sogar zehn Stunden.
PLAYBOY: Wie wirkt sich die Krankheit auf dein Familienleben aus?
ZAPPA: Na ja, hier im Haus ist es kein Geheimnis, dass ich krank bin. Sie sind alle sehr nett zu mir. Sie passen auf mich auf.
PLAYBOY: Und gefühlsmäßig? Eine Berg- und Talfahrt?
ZAPPA: Die Emotionen werden eher von den Medikamenten beeinflusst als von den Gedanken an die Krankheit. Was soll man auch machen? Menschen werden nun mal krank. Manche können kuriert werden, manche nicht. Aber die Chemikalien mit denen man behandelt wird, haben ihren Preis. Vorletzte Woche lag ich drei Tage im Krankenhaus, bis zu den Haarwurzeln vollgepumpt mit Morphium. Das war ein Erlebnis, das ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Als ich entlassen wurde, hat es fast zehn Tage gedauert, bis mein Körper wieder clean war.
PLAYBOY: Ab einem gewissen Punkt ist man sich wahrscheinlich nicht mehr sicher, worunter man mehr leidet: unter der Krankheit oder den Medikamenten.
ZAPPA: Es bringt wirklich alles durcheinander. Ich muss an manchen Tagen wichtige Entscheidungen treffen, aber mit dem Dope im Körper verliert man vollständig den Überblick. Außerdem kann man nie voraussagen, wie man sich am nächsten Tag fühlen wird. Ich habe diesem Playboy-Interview auch nur deshalb zugestimmt, weil ich mir sicher war, einer Unterhaltung folgen zu können. Es ist entwürdigend, wenn man seinem eigenen Urteil nicht mehr trauen kann.
PLAYBOY: Wir reden jetzt beinahe sieben Stunden, aber du scheinst gar nicht müde zu werden. Woran liegt das? An der Tagesform?
ZAPPA: Ja. Du hast einen guten Tag erwischt. Morgen kann ich schon wieder flach auf dem Rücken im Bett liegen. Man muss mit seiner Zeit haushalten.
PLAYBOY: Manche Leute würden sich zur Ruhe setzen, das Leben an irgendeinem Strand beschließen.
ZAPPA: Ich nicht. Ich bin selten bereit zu reisen, selten bereit das Haus zu verlassen. Einfach, weil ich mein Leben hier genieße und weil ich meine Familie mag.
PLAYBOY: Welche Auswirkungen hat der Krebs auf deine aktuellen Kompositionen? Bist du vielleicht melancholischer geworden?
ZAPPA: Ich glaube nicht, dass die Krankheit momentan irgendwelche derartige Auswirkungen hat. Aber es gibt ganz profane technische Probleme: Die Arbeit ist manchmal so beschwerlich, dass ich mich dazu verleiten lasse, ein Stück für abgeschlossen zu erklären. Es gab eine Phase, in der ich an mehreren Stücken arbeitete und diese viel zu früh für beendet erklärte. Da die Stücke noch nicht veröffentlicht sind, habe ich sie mir wieder vorgenommen und überarbeitet.
PLAYBOY: Und die Stimmung deiner Musik hat sich tatsächlich nicht verändert?
ZAPPA: Nein. Ich habe nicht plötzlich angefangen, traurige Musik zu schreiben. Das liegt mir nicht.
PLAYBOY: Hast du aus der Krankheit etwas für dein Leben gelernt?
ZAPPA: Ja. Dass wir mutiger, neugieriger werden müssen. Leute, die sich immer nur mit den einfachsten Befriedigungen, wie Bier und Fußball, zufrieden geben, wären vielleicht glücklicher, wenn sie ihrem Leben etwas mehr Dreidimensionalität verleihen würden. Aber die meisten Leute ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus, sobald sie es geschafft haben, mit simplen Tricks eine gewisse Befriedigung herzustellen. Sie wissen schon vorher, wie gut sich sich fühlen werden, wenn ein Fußballspiel übertragen wird. Darüber hinaus wollen sie nichts wissen. Für mich war nach der Krebsdiagnose klar: Ich muss über das Fußballspiel und die Bierdose hinausblicken können. Wenn ich mich erst mal in einen Randbereich vorwage, bin ich wahrscheinlich um ein paar wichtige Erfahrungen reicher und kann euch erzählen, was nach dem Fußballspiel kommt.
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